Warum Schneider weiter VfB-Trainer bleiben darf – DIE WELT

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 Thomas Schneider sitzt zumindest im Heimspiel gegen Schlusslicht Eintracht Braunschweig auf der VfB-Bank

Warum Schneider weiter VfB-Trainer bleiben darf

Nach der Niederlage in Frankfurt schien Stuttgarts Sportvorstand Frei Bobic zum einem Trainerwechsel zu tendieren. Doch dann sprach der Klub dem erfolglosen Thomas Schneider das Vertrauen aus.

Nach der Niederlage in Frankfurt schien Stuttgarts Sportvorstand Frei Bobic zum einem Trainerwechsel zu tendieren. Doch dann sprach der Klub dem erfolglosen Thomas Schneider das Vertrauen aus. Von Klaus Schlütter

Sie diskutierten bis tief in die Nacht. Am Ende waren sich Präsident Bernd Wahler, Finanzchef Ulrich Ruf, Sportvorstand Fredi Bobic und Aufsichtsratsvorsitzender Joachim Schmidt einig: Trainer Thomas Schneider bleibt nach der unglücklichen 1:2-Niederlage in Frankfurt, der achten Pleite in Folge im neuen Jahr, weiter im Amt. Montagvormittag leitete er das Training des VfB Stuttgart, Samstag sitzt er beim Abstiegskrimi gegen den Tabellenletzten Eintracht Braunschweig auf der Bank.

Der nächtliche Beschluss kam etwas überraschend. Unmittelbar nach dem Spiel hatte die Vereinsführung dem 41-Jährigen die absolute Rückendeckung noch versagt. Das Statement von Fredi Bobic (“Wir wollen uns nicht von Emotionen leiten lassen, aber ich schließe Nichts aus”) deutete eher auf eine Trennung hin. Und die Körpersprache Schneiders ließ den Schluss zu, dass er eventuell freiwillig das Handtuch werfen könnte. Doch nach eingehender Analyse der Verantwortlichen überwog die Überzeugung: Der Trainer erreicht die Mannschaft immer noch.

Die Entscheidungsträger des VfB trauen dem strauchelnden Team unter Schneiders Regie zu, gegen Braunschweig die Trendwende zu schaffen. Zumal der Trainer für die Philosophie des Vereins steht, mit jungen Spielern wie Werner, Khedira, Yalcin oder Rüdiger etwas Neues aufzubauen. Deshalb meint Präsident Wahler: “Es wäre falsch, so etwas schnell wieder über den Haufen zu werfen.” Allerdings: Ein endgültiges Bekenntnis zur Schonfrist für Schneider steht noch aus. Dazu sollen am Dienstag auch die restlichen vier Mitglieder des Aufsichtsrats gehört werden.

“Unser bestes Spiel seit Wochen”

Für den Trainer spricht, dass die Mannschaft in Frankfurt eine engagierte Vorstellung bot. Sie funktionierte als Team und spielte leidenschaftlich. “Unser bestes Spiel seit Wochen”, meinte Schneider. Aber erneut brachte sich der VfB durch individuelle Fehler um den verdienten Lohn. Nach der 1:0-Führung durch Martin Harnik versäumte es der freistehende Alexandru Maxim, mit dem zweiten Tor eine Vorentscheidung herbeizuführen.

Ein vergebener Matchball. Stattdessen ließ sich die Wackel-Abwehr im Gegenzug noch zweimal durch Rosenthal und Meier düpieren. Unglaublich, aber wahr: Es war schon die fünfte Niederlage nach einer 1:0-Führung in letzter Minute. Es scheint, als habe sich “Und -täglich grüßt das Murmeltier” als Denkeweise in den Köpfen der Spieler festgesetzt.

Der VfB ein Fall für den Psychologen? Schneider ist es zuzutrauen, die Lösung des Problems zu finden. Bei seiner Ausbildung zum Fußballlehrer hat er das Fach Sportpsychologie mit einer glatten Eins bestanden.

Dieter Hoeneß, einst Spieler (1977 bis 1979) und Manager (1990 bis 1995) bei den Schwaben, brach bei Sky eine Lanze für den ehemaligen VfB-Profi. “Keine Vorwürfe an die Adresse von Thomas Schneider. Die Fehler wurden früher gemacht. Die Entwicklung in den letzten Jahren ging stetig rückwärts, es war kein Konzept zu erkennen”, sagte er.

Bobic ohne glückliches Händchen

Indirekte Kritik an Bobic, der die Zusammenstellung des Kaders zu verantworten hat. Der Manager hatte vor dieser Saison kein glückliches Händchen mit der Verpflichtung von sieben neuen Spielern. Darunter Haggui, Abdellaoue und Rausch, Reservisten aus Hannover, die sich auch in Stuttgart bisher keinen Stammplatz erkämpfen konnten.

Zudem mangelt es dem VfB an Führungsspielern, die den Jungen Halt geben könnten. Unglücklicherweise waren Cacau lange und Kapitän Christian Gentner zuletzt verletzt. Torjäger Vedad Ibisevic muss nach seiner Tätlichkeit gegen Augsburg noch zwei von fünf Spielen Sperre absitzen. Unter diesem Aspekt erwies es sich nachträglich als Fehler, Routiniers wie William Kvist oder Cristian Molinaro in der Winterpause abzugeben.

Dessen ungeachtet musste Bobic viele Scherben zusammenkehren, als er vor knapp vier Jahren kam. Er war gezwungen, gute Spieler wie Sami Khedira zu verkaufen und überzogene Gehälter zu kürzen, weil der Personaletat von 60 auf 40 Millionen Euro heruntergefahren wurde. Für hochkarätige Verstärkungen war und ist bei zu erwartenden zehn Millionen Euro Verlust in diesem Geschäftsjahr kein Geld da. Da erscheint es im Nachhinein als Utopie, dass Wahler bei seiner Amtseinführung als Präsident davon sprach, den VfB in drei, spätestens in fünf Jahren wieder in die Champions League führen zu wollen.

Gegen Braunschweig und in den restlichen zehn Spielen geht es nun schlicht und einfach nur noch darum, die Horrorvision Zweite Liga zu vermeiden. Schneider steht gewaltig unter Druck. Bei einer weiteren Niederlage würde der VfB wohl reagieren. Schneider müsste seinen Platz auf der Bank dann räumen. Für wen? Gerüchteweise werden Holger Stanislawski und die ehemaligen VfB-Stars Krassimir Balakov und Zvonimir Soldo, die im Verbund die Karre aus dem Dreck ziehen sollen, genannt.

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