Umstrittene Therapie: “Urin trinken ist einfach nicht sinnvoll” – Spiegel Online

Woman Examining Vial of UrineSPIEGEL ONLINE: Es gibt Leute, die regelmäßig ihren Urin trinken, weil sie sich davon heilende Wirkung erhoffen. Wie ist das aus ärztlicher Sicht zu bewerten?

Bickel: Über den Urin scheidet der Körper Produkte aus, die er nicht mehr benötigt. Es ergibt daher aus meiner Sicht wenig Sinn, diese dem Körper wieder zuzuführen. Meines Wissens gibt es keine einzige Studie, die einen heilenden Effekt dieser sogenannten Urintherapie belegt.

SPIEGEL ONLINE: Ist das dann bestenfalls harmloser Blödsinn? Oder kann man sich damit auch schaden?

Bickel: Sofern kein Infekt vorliegt, ist Urin normalerweise steril. Wenn er aber länger irgendwo steht, besteht die Möglichkeit einer bakteriellen Kontamination.

ZUR PERSON

Christoph Bickel ist Kardiologe und Diabetologe und stellvertretender Leiter der Abteilung Innere Medizin am Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz. Bickel ist im Rahmen seiner Tätigkeit mehrfach in Afghanistan und anderen Einsatzorten im Ausland gewesen und hat Erfahrung mit kritischen Situationen.

SPIEGEL ONLINE: Schadet man vielleicht seinen Nieren damit?

Bickel: Nein. Das ist nicht das Problem. Urin trinken ist einfach nicht sinnvoll.

SPIEGEL ONLINE: Ist es denn in einer Notsituationen sinnvoll, wenn man droht zu verdursten?

Bickel: Auch dann ist es nur begrenzt sinnvoll. In einer absoluten Notsituation, wenn man überhaupt keine Flüssigkeit mehr hat, kann man das versuchen. Es löst aber das eigentliche Problem nicht. Man kann durch Trinken von Urin ein Verdursten nicht verhindern.

SPIEGEL ONLINE: Aber kann man das Verdursten wenigstens verzögern?

Bickel: Ja, das vermutlich schon. Das Problem ist, dass der Urin mit Salzen und Mineralstoffen hoch angereichert ist, vor allem, wenn man schon unter Flüssigkeitsmangel leidet. Trinkt man ihn, führt das dazu, dass sich im Blut immer mehr Salze anreichern und dem Gewebe Wasser entziehen. Es wäre daher eigentlich besser, den Urin verdunsten zu lassen und das Kondensat aufzufangen. Dann wäre man die Salze und Mineralstoffe los. Aber es ist natürlich recht hypothetisch, ob man in einer solchen Notsituation dazu überhaupt in der Lage wäre.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft kann man denn seinen Urin trinken?

Bickel: Da gibt es keine Faustregel. Das hängt davon ab, wie viel derjenige getrunken und wie viel Flüssigkeit er bereits verloren hat und wie stark die Sonneneinstrahlung ist.

SPIEGEL ONLINE: Kann man im Notfall den Urin von Tieren trinken?

Bickel: Dafür gilt grundsätzlich das Gleiche wie für menschlichen Urin. Das Risiko für eine bakterielle Infektion ist aber bei Urin von Tieren höher.

SPIEGEL ONLINE: Ist es ratsam, das Blut von Tieren zu trinken, wenn man droht zu verdursten?

Bickel: Ja. Das ist sicherlich besser, als nichts zu sich zu nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Der Überlebenskünstler Bear Grylls zeigt in einer Episode, wie er aus dem Pansen eines toten Kamels halbverdaute Nahrung entnimmt und daraus Restflüssigkeit presst. Wie finden Sie das?

Bickel: Da würde sich mir die Frage stellen, woran das Kamel gestorben ist und wie weit die Zersetzungsprozesse bereits vorangeschritten sind. Außerdem befinden sich im Darm sehr viele Bakterien. Bei der Aufnahme von Material aus einem Kadaver muss man äußerst vorsichtig sein. Sonst schadet man sich mehr, als dass man sich nützt.

SPIEGEL ONLINE: In einer Episode erläutert Bear Grylls einen Trick, wie man verunreinigtes Wasser zu sich nehmen kann, ohne zu erbrechen – indem man es sich als Einlauf verpasst. Was halten Sie davon?

Bickel: Davon habe ich noch nichts gehört, und das klingt nach einer extremen Methode, die man nicht unbedingt empfehlen kann. Grundsätzlich hat der Enddarm die Fähigkeit, Wasser aufzunehmen. Theoretisch könnte das also schon funktionieren. Nur: Wie gesund ist kontaminiertes Wasser, das vielleicht voller Parasiten und Krankheitserreger ist? Am Ende bekommt man davon Durchfall, dem Körper würde dadurch noch mehr Flüssigkeit entzogen, und alles würde nur noch schlimmer.

SPIEGEL ONLINE: Meerwasser darf man ja auch nicht trinken. Wie überlebt man auf hoher See?

Bickel: Da besteht das gleiche Problem wie beim hochkonzentrierten Urin. Auch hier bliebe eigentlich nur die Möglichkeit, das Wasser verdunsten zu lassen und wieder aufzufangen, um das Salz loszuwerden.


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