Mindestlohn: Zehn Dollar pro Stunde? – ZEIT ONLINE

Die USA streiten um einen höheren Mindestlohn. Er soll gegen eine wachsende Ungleichheit der Einkommen helfen.

Mitarbeiter einer Fast-Food-Kette protestieren für einen höheren Mindestlohn in Los Angeles.

Mitarbeiter einer Fast-Food-Kette protestieren für einen höheren Mindestlohn in Los Angeles.  |  © Patrick T. Fallon/Getty Images

Naquasia LeGrand würde gerne einmal die heiße Schokolade mit Karamellgeschmack bei Dunkin’ Donuts probieren. Der Becher kostet 2,40 Dollar. Eigentlich nicht viel, aber für die junge Frau ist das ein unerreichbarer Luxus. LeGrand arbeitet selbst bei einer Fast-Food-Kette. Seit zwei Jahren ist sie bei einer Filiale von Kentucky Fried Chicken in Brooklyn, New York, beschäftigt. Wie die meisten Beschäftigten dieser Branche verdient die 22-Jährige mit den schwarzen Rastalocken kaum mehr als den US-weiten Mindestlohn von 7,25 Dollar pro Stunde. In guten Zeiten kann sie viele Stunden arbeiten und bringt dann bis zu 1.300 Dollar im Monat nach Hause. Doch selbst davon kann man in New York kaum leben. Doch im Moment gibt ihr der Besitzer der Filiale nur 15 Stunden Arbeit in der Woche. Vergangene Woche musste sie mit neun Dollar in der Tasche zurechtkommen. Würde ihr ein höherer Mindestlohn helfen?

In den USA ist die Debatte um den Mindestlohn neu entbrannt. Präsident Barack Obama fordert eine Anhebung auf 10,10 Dollar, er hat die Erhöhung zum zentralen Punkt seines Kampfes gegen die soziale Ungleichheit gemacht. Es sei “die maßgeblichste Herausforderung unserer Zeit”, die immer weiter aufklaffende Schere zwischen Arm und Reich wieder zu schließen, mahnte er in seiner Rede zur Lage der Nation. Über 16 Prozent der US-Bürger gelten laut dem United States Census Bureau als arm, eingeschlossen ein Fünftel aller Kinder. Die Zahl derer, die zwar einen Job haben, aber nicht über die Armutsgrenze kommen, ist so hoch wie seit 40 Jahren nicht mehr.

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Gleichzeitig wachsen die Einnahmen der Wohlhabenden. 1970 ging ein Drittel des Einkommens in den USA an die zehn Prozent an der Spitze, heute ist es die Hälfte. Etwa ein Fünftel fließt allein an das oberste eine Prozent in der Einkommenshierarchie. “Dieses Land ist großartig darin, Wohlstand zu schaffen, aber nicht besonders gut darin, ihn zu verteilen”, räumte kürzlich selbst Lloyd Blankfein ein, Chef der Investmentbank Goldman Sachs.

In New York prallen die Welten der Superreichen und der Habenichtse aufeinander wie sonst kaum an einem Ort. LeGrand lebt in Canarsie. Diesen Teil der Metropole beherrschen Zwei-Dollar-Pizzaläden, Pfandleihhäuser und 99-Cent-Ramschgeschäfte, während am anderen Ende der Stadt, in der Fifth Avenue, sich ein Nobelkaufhaus an das nächste reiht und ein Paar Schuhe hier gerne tausend Dollar kosten darf.

Als LeGrand 2009 nach New York kam, fand sie Arbeit in einer Großküche am Flughafen. Ihr nächster Job war für sie ein Aufstieg: eine Stelle in einer Filiale von Kentucky Fried Chicken. Anfangs zahlte ihr der Chef nur den Mindestlohn – 7,25 Dollar. 27 Stunden durfte sie in der Woche arbeiten. Weil diese Teilzeitstelle nicht reichte, heuerte sie bei einer weiteren Filiale an, wo sie noch einmal 18 Stunden bekam, zum Satz von 7,50 Dollar. Die meisten ihrer Kollegen haben einen zweiten Job, manche einen dritten. Derzeit sucht LeGrand einen neuen Zweitjob, weil eine der Filialen dichtgemacht hat.

LeGrand ist genau jener Fall, den Konservative gern anführen, wenn sie vor einer Erhöhung des Mindestlohns warnen. Sie ist jung, ohne Berufserfahrung oder Berufsausbildung und gehört damit zu den Schwächsten auf dem Arbeitsmarkt. Wenn man ihre Arbeit teurer machte, so das Argument, könnte sie ganz wegfallen. Zudem behaupten Gegner einer Erhöhung, Arbeitnehmer wie LeGrand blieben nicht lange auf dem untersten Lohnniveau. Sie gewännen Erfahrung und verdienten dann mehr. Und tatsächlich: LeGrand ist noch immer stolz darauf, dass ihr beide Filialleiter nach einiger Zeit anboten, sich als Schichtführerin zu qualifizieren. Doch sie hätte einen Kurs über Hygiene belegen müssen. Der Kurs kostet 114 Dollar. Die sollte sie aus eigener Tasche zahlen, ebenso wie die Arbeitskleidung. Das Geld hatte LeGrand nicht. Deshalb wurde nichts aus der Beförderung. Viele ihrer Kollegen arbeiten seit Jahren in Fast-Food-Jobs. Das von den Konservativen gerne zitierte Bild des typischen Mindestlöhners als einen Teenager, der sich mit ein paar Stunden Autowaschen sein Taschengeld aufbessert, stimmt nicht mehr. Laut einer Studie des linksliberalen Economic Policy Institute sind 88 Prozent der Mindestlohn-Beschäftigten über 20 und rund ein Drittel über 40 Jahre alt.

LeGrand will einmal eine Familie gründen. Doch wenn sie ihre Kolleginnen betrachtet, dann sieht sie eine düstere Zukunft. Sie selbst hat nur kurze Zeit food stamps, die staatlichen Lebensmittelkarten, bezogen. Die meisten ihrer Kollegen brauchen sie, um ihre Familie zu ernähren. Viele bekommen zusätzlich Wohngeld von der Stadt. Fast Food Forward, eine neue Gewerkschaft, sieht in solchen Sozialleistungen eine indirekte Subventionierung von Billigjobs. Die würde den US-Steuerzahler über sieben Milliarden Dollar jährlich kosten.

Obama hat bei seinem Mindestlohn-Vorstoß auch den Wahlkampf im Blick. Die Demokraten fürchten, dass im Herbst 2014 die Republikaner ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus ausbauen und auch die Senatsmehrheit erobern. Bei Umfragen ist ein höherer Mindestlohn populär. Die großen Gewerkschaften haben das Thema ebenfalls entdeckt. Seit Jahren verlieren sie Mitglieder in der Industrie – inzwischen sind nur noch sieben Prozent aller Beschäftigten in der privaten Wirtschaft gewerkschaftlich organisiert. Nun erhoffen sich die Arbeitnehmerorganisationen bei den Niedriglöhnern im Dienstleistungssektor neuen Zulauf.

Über Kollegen kam auch LeGrand in Kontakt mit Fast Food Forward, jetzt ist sie mit großem Eifer dabei. “Die Gewerkschaft hat mir die Augen geöffnet.” Bei ihrem ersten Streik hatte sie noch Angst, doch die Demonstrationen wurden immer wichtiger in ihrem Leben. Sie traf Mitarbeiter anderer Fast-Food-Ketten, Supermarktjobber, Autowäscher. Alle kämpften mit den gleichen Problemen.

Eine Reihe von Bundesstaaten hat höhere Mindestlöhne beschlossen. Genauso wie Gemeinden dürfen sie den nationalen Satz überschreiten. So gilt seit Jahresbeginn im Staat New York ein Mindestlohn von acht Dollar. Bereits Anfang November feierte die Dienstleistungsgewerkschaft SEIU in SeaTac, einer Gemeinde in der Nähe von Seattle, den für sie bisher größten Erfolg. Für die Einwohner der Stadt, die am internationalen Flughafen Seattle-Tacoma arbeiten, gilt künftig ein Mindestsatz von 15 Dollar. Das Ziel der Gewerkschaften: Dieser Stundenlohn soll bald US-weit gelten.

Wirtschaftsvertreter und Konservative reagierten entsetzt. “Warum setzen wir nicht gleich einen Mindestlohn von 100 Dollar pro Stunde fest?”, fragt Carrie Sheffield, Expertin für Wirtschaftspolitik beim konservativen Manhattan Institute. Selbst die von Obama geforderte Anhebung sei schon deutlich höher als die Produktivitätssteigerung bei den Geringverdienern. Eine solche Erhöhung, argumentiert Sheffield, drohe eine inflationäre Kettenreaktion auszulösen.

Präsident Obama behauptet dagegen, ein höherer Mindestlohn helfe der Wirtschaft, weil mehr Kaufkraft zur Verfügung stehe. Er verweist auf jüngere Studien, die keinen Beleg dafür entdecken konnten, dass ein höherer Mindestlohn zu weniger Jobs, Outsourcing und Automatisierung führt – das Hauptargument der Gegner einer Anhebung. Unstrittig ist, dass der aktuelle US-Mindestlohn historisch niedrig liegt. Er beträgt gerade 36 Prozent des Durchschnittslohns. Gemessen an der Kaufkraft ist der Stundensatz seit den sechziger Jahren auf einem Tiefstand. Wer die Chance auf Trinkgelder hat, für den gilt zudem die niedrigere Grenze von 2,13 Dollar die Stunde.

David Neumark, Arbeitsmarktexperte an der University of California, hält allerdings nicht viel vom Mindestlohn als Instrument der Armutsbekämpfung. Von einem höheren Mindestlohn profitierten zum großen Teil gar nicht Arme, sondern zum Beispiel Collegestudenten aus begütertem Hause. Er verweist auf Berechnungen, nach denen nur 20 Prozent derjenigen, die ein höherer Mindestlohn beträfe, zu einem armen Haushalt gehörten.

“Es gibt Maßnahmen, die gezielter helfen”, sagt Neumark. Besser findet er den Earned Income Tax Credit, eine Unterstützung aus Steuermitteln, die je nach Bedürftigkeit gezahlt wird. Diese Leistung sei in den vergangenen Jahrzehnten stark ausgebaut worden, weshalb die Familien von Geringverdienern heute trotz des geringen Mindestlohns nicht schlechter dastünden als früher. Und: “Die niedrigen Löhne sind das Resultat von Globalisierung und Automatisierung – ein höherer Mindestlohn wird diese Kräfte nicht aufhalten.” LeGrand will dennoch weiter für eine bessere Bezahlung kämpfen. “Leute, die hart arbeiten, sollten von ihrer Arbeit leben können und nicht auf Wohlfahrt angewiesen sein”, sagt sie.


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