Mehr künstliche Kniegelenke in reichen Landkreisen – Spiegel Online

Ob ein Patient mit Kniebeschwerden am Knie operiert wird, hängt auch davon ab, wo in Deutschland er wohnt. Durch Deutschland zieht sich ein Korridor von Niedersachsen nach Bayern, in dem überdurchschnittlich häufig drei chirurgische Eingriffe erfolgen: Kniegelenke werden ersetzt, Nachoperationen sind notwendig und Knie werden arthroskopisch gespiegelt.

Die Bertelsmann Stiftung hat für ihren Faktencheck Gesundheit gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und orthopädische Chirurgie (DGOOC) die drei Operationen anhand anonymer Daten der AOK untersucht und die jeweilige Häufigkeit pro 100.000 Einwohner einer Region berechnet.

Überversorgung in wohlhabenden Regionen

Aus ihren Ergebnissen ziehen die Studienautoren vor allem zwei Ergebnisse: In wirtschaftlich schwachen Regionen gebe es eine Unterversorgung und eventuell eine geringere Nachfrage nach den Knieeingriffen, in wohlhabenden Regionen dagegen eine Überversorgung und möglicherweise eine stärkere Nachfrage. Die Bertelsmann Stiftung wirft die Frage auf, inwiefern die Versorgung der Bevölkerung mit Eingriffen am Knie am tatsächlichen medizinischen Bedarf ausgerichtet ist.

Die Autoren fordern eine Leitlinie für die Therapie der Kniegelenksarthrose, die es bisher in Deutschland nicht gibt, die aber für Ende dieses Jahres erwartet wird. Sie könne der unterschiedlichen Interpretation der Arthrosebeschwerden durch Ärzte entgegenwirken. Daneben gelte es unter anderem, Patienten besser zu informieren und wirtschaftliche Anreize für die Knieeingriffe zu überprüfen. Zudem müssten die regionalen Unterschiede besser untersucht werden.

Viele Folgeoperationen, steigende Tendenz

Die Ergebnisse stellen auch eine lange gepflegte Weisheit in Frage: Die Arthroskopien verringern die Zahl der Kniegelenkersatzoperationen nicht. Stattdessen werden dort, wo besonders viele Knie gespiegelt werden, auch besonders viele Gelenke ausgetauscht.

In Bayern bekommen Patienten fast doppelt so häufig ein neues Knie wie in Berlin. Die höchste Rate der Ersatzoperationen haben Bayern, Thüringen und Rheinland-Pfalz, die niedrigsten Berlin, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern. Die Bundesländer unterscheiden sich dabei bis zum 1,8-fachen. Beim Vergleich von Landkreisen steigt die Differenz bis zum Dreifachen, bei Männern allein bis zum Fünffachen, ebenso wie bei den Folgeoperationen. Diese Folgeeingriffe sind aus Sicht der Autoren sehr häufig und nehmen stark zu, auch hier sind die regionalen Unterschiede groß.

Schwierige Prognose bei alternder Bevölkerung

In städtischen Regionen ist die Knie-OP-Wahrscheinlichkeit geringer als auf dem Land, die Ursache hierfür ist unklar. Die höchste Rate der Kniegelenkersatzoperationen erfassten die Studienautoren mit 133,7 Operationen pro 100.000 Einwohnern 2009, seitdem ist sie leicht gesunken und lag 2011 bei 129,5 pro 100.000. Trotz der weiter alternden Bevölkerung sind die Faktencheck-Autoren mit einer Prognose, ob die Zahl der Operationen wieder zunehmen wird, vorsichtig.

Mit einer Steigerung rechnen sie bei der Zahl der Folgeoperationen in Regionen mit einer hohen Zahl an Ersteingriffen. Die Rate der Folgeeingriffe ist bei jüngeren Patienten unter 64 Jahren deutlich höher als bei älteren Patienten. Die Studienautoren führen das auf die höhere Beanspruchung der künstlichen Kniegelenke durch jüngere Betroffene zurück. Bei mehr als vier von fünf dieser Revisionen wird eine zweite Prothese eingesetzt.

Internationaler Spitzenplatz bei Ersatz-Operationen

Im internationalen Vergleich der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) belegt Deutschland einen Spitzenplatz beim Kniegelenkersatz. Die OECD-Zahlen sind mit den Faktencheck-Zahlen nicht eins zu eins vergleichbar, da Statistik und Einschlusskriterien sich unterscheiden. Dennoch halten auch die Bertelsmann-Autoren ein “hohes Versorgungsniveau” in Deutschland für plausibel.

Auf Ebene der Landkreise fällt entlang der Landesgrenze zwischen Bayern und Baden-Württemberg eine Besonderheit auf, wobei auf der bayerischen Seite deutlich mehr Patienten operiert werden als auf der baden-württembergischen. Der Landkreis mit der höchsten OP-Rate ist Neustadt an der Aisch in Bayern, die niedrigste Rate erreicht Frankfurt an der Oder in Brandenburg. Für die Analyse ist der Wohnort des Patienten entscheidend, nicht der Operationsort.

Die Ursachensuche für die Unterschiede ist knifflig: Wie viele Patienten in einer Region an Kniegelenksarthrose leiden, hängt davon ab, wie die Ärzte in diesem Gebiet diagnostizieren. Von der Diagnoserate hängt wiederum die Zahl der Operationen ab. Zudem spielt die regionale Versorgung mit den einschlägigen Fachärzten eine Rolle.

Die Autoren stellen aber fest, dass zum Beispiel in Teilen Thüringens, Sachsens und Sachsen-Anhalts die Arthroserate hoch, die OP-Rate aber niedrig ist. Umgekehrt verhält es sich in Südbayern. Und wo mehr niedergelassene Orthopäden arbeiten, wird weniger operiert – der Hintergrund ist aus den Daten nicht abzuleiten. Die Autoren mutmaßen, dass die Orthopäden ihre Patienten länger ohne Operation behandeln.

Wie häufig sind Knie-Operationen in Ihrer Region? Unter diesem Link finden Sie eine interaktive Deutschlandkarte mit den Ergebnissen der Untersuchung.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes und der Bildunterschrift hieß es, bei der Häufigkeit von Knie-Arthroskopien unterscheide sich die Rate der Eingriffe regional um das 65-fache. Diese Aussage ist falsch. Vielmehr bezieht sich diese Angabe auf die Spiegelungen aller Gelenke zusammen. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.


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