Doktorarbeit des SPD-Politikers: Plagiatsjäger erhöhen Druck auf Steinmeier – Spiegel Online

“Absurd”, so hat Frank-Walter Steinmeier den Plagiatsverdacht genannt, den ein Marketing-Professor in die Welt gesetzt hatte. Wenige Wochen ist das erst her. Der SPD-Mann bat daraufhin die Uni Gießen, seine Doktorarbeit zu überprüfen – und viele Experten waren sich nach kurzer Durchsicht der von einem Computerprogramm erstellten Anklageschrift sicher: Die Anschuldigungen sind wenig belastbar. Wenn überhaupt, handele es sich bei Steinmeiers Zitierfehlern um “lässliche Sünden”, so sagte es etwa der Berliner Jura-Professor Gerhard Dannemann.

Daraufhin jedoch haben sich auch die Plagiatsjäger der Plattform VroniPlag die Arbeit mit dem Titel “Bürger ohne Obdach: zwischen Pflicht zur Unterkunft und Recht auf Wohnraum” vorgenommen, mit der Steinmeier Anfang der neunziger Jahre seinen Doktortitel erlangt hatte. Jetzt haben sie die ersten Ergebnisse ihrer Untersuchung auf ihrer Website veröffentlicht. Die Aktivisten haben nach eigenen Angaben auf 62 von 395 Seiten verdächtige Stellen entdeckt – das entspräche einem Anteil von 15,7 Prozent aller Seiten.

Darunter sind Stellen, die Steinmeier wirklich nicht besonders gut aussehen lassen: So gleicht etwa die Seite 185 aus Steinmeiers Arbeit fast wörtlich Textpassagen aus einem Werk des Rechtswissenschaftlers Ulrich Preuß. Zwar nennt Steinmeier das Buch im Literaturverzeichnis und verweist hier und da auf ihn in Fußnoten und im Fließtext. Doch erschließt sich dem Leser nicht, wie weit die Übernahme aus dem Fremdtext geht. Das werten die Plagiatsjäger als sogenanntes “Bauernopfer”: Man weist einen kleinen Teil des fremden Gedankens mit einer Fußnote aus, schreibt aber dahinter weiter ab. Dabei gilt in der akademischen Welt: Jeder Gedanke, jeder Satz, der nicht von einem selbst stammt, braucht eine Quellenangabe.

Die Anzahl der Fundstellen ist “bedenklich”

Auch Plagiatsexperten wie Debora Weber-Wulff, Informatik-Professorin und Mitstreiterin bei VroniPlag, sehen die Doktorarbeit mittlerweile kritisch. Den ersten automatisch erstellten Prüfbericht hatte sie als “unsauber” eingestuft. Jetzt jedoch, nach der kleinteiligen Prüfarbeit der VroniPlagger, sieht sie die Anzahl der Fundstellen als “bedenklich” an. Auch gebe es Anzeichen dafür, dass Steinmeier an manchen Stellen so getan habe, als hätte er Bücher gelesen, von denen er offenbar lediglich die Zusammenfassungen aus der Sekundärliteratur konsultiert hatte.

Die Prüfung läuft bereits seit einiger Zeit, doch erst jetzt haben sich die VroniPlagger entschieden, sie unter dem Klarnamen Steinmeiers zu veröffentlichen. Denn die eigenen Regeln lauten: Erst wenn mindestens auf zehn Prozent der Seiten verdächtige Stellen gefunden sind, nennen wir den Namen des Autors. Bislang lief die Diskussion unter dem eher unkryptischen Kürzel “Fws”.

Der Politikwissenschaftler Stephan Leibfried aus Bremen wiederum nahm Steinmeier in einem Beitrag für die “FAZ” in Schutz. Unter anderem argumentiert er, Steinmeier habe seine Arbeit diktiert. “Damals gab es weder ungelesenes, unverstandenes ‘Copy & Paste’ noch die Chance zu x-facher Überarbeitung. Das Diktierte musste sitzen”, so Leibfried.

Die Uni Gießen hatte bereits Ende September mit der Prüfung der Vorwürfe begonnen. Das Verfahren sieht vor, dass zunächst der zuständige Ombudsmann zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis eine Vorprüfung durchführt. Danach befasst sich eine Kommission, bestehend aus drei Professoren unterschiedlicher Fächergruppen, einem wissenschaftlichen Mitarbeiter sowie deren Stellvertreter, ebenfalls mit der Arbeit. Wenn nötig, wird der Promotionsausschuss einbezogen. Uni-Präsident Joybrato Mukherjee sagt, in wenigen Wochen werde das Verfahren abgeschlossen sein, alles solle nun “schnell und zügig” gehen. Das sei auch im Interesse des “hochangesehenen Alumnus” Steinmeier.

Am Mittwochmittag hatte die Hochschule allerdings mitgeteilt, die Prüfung dauere weiter an. Wann der Ombudsmann und der Promotionsausschuss der Hochschule zu einem ersten Ergebnis kommen, sei unklar, so eine Uni-Sprecherin. Es dürfte auch im Interesse der Uni sein, sehr gründlich zu prüfen. Gerade unterlag die Hochschule in einem Rechtsstreit: Das Verwaltungsgericht Gießen entschied, dass sie einer Medizinerin zu unrecht den Doktortitel entzogen habe.

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